Und raus bist du - Digitale Ausstellungseröffnung


In dieser Ausstellung zeigen wir anhand von Biografien ehemaliger Zittauer:innen, wie sich politische Verfolgung und gesellschaftliche Ausgrenzung im Nationalsozialismus äußerten. Die Ausstellungstexte sind kostenfrei online zugänglich und regen zum Nachdenken an - über die Ungerechtigkeiten von damals, aber auch darüber, wie Diskriminierung und Ausgrenzung heute funktionieren: www.undrausbistdu.eu Wir laden Sie und euch herzlich ein, am kommenden Sonntag, den 27.12.20 um 17 Uhr mit uns online ins Gespräch über die Ausstellung zu kommen: https://meet.jit.si/undrausbistdu

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Start der Ausstellung


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Du bist jüdisch oder hast jüdische Wurzeln?
Du hast eine Behinderung?
Du hast eine psychische Erkrankung?
Du hast eine abweichende politische Meinung?
Du solidarisierst dich mit gesellschaftlich schwächeren oder marginalisierten Menschen, weil sie schon immer deine Freunde oder Nachbarn waren?
Du fällst sonst irgendwie aus dem von der regierenden Partei gewollten Muster?




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Dann bist du weniger Wert, verachtenswert und ein Niemand. Dein Eigentum sollte “richtigen” arischen Bürgern gehören und du diesen untergestellt werden. Du solltest dich von ihnen fernhalten und bestimmte Plätze nicht mehr betreten, da diese nur für die richtigen, besseren Menschen sind. Generell darfst du nicht alles, was sie dürfen, schließlich bist du kein Teil der gewünschten zukünftigen Bevölkerung des Landes.



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So erging es ab den 1930er Jahren vielen deutschen Bürger:innen, von heute auf morgen waren sie “weniger wert” oder eine “Last für die Gesellschaft”. Sie wurden systematisch unterdrückt, ihre Rechte wurden ihnen genommen, ihre Lebensgrundlagen, ihr Selbstwertgefühl, oft ihr Lebenswille und meistens auch ihr Leben. Denn aus diesen und vielen weiteren Gründe wurden zu Zeiten des NS Menschen verfolgt und getötet. Sie wurden nach langer Diskriminierung und Erniedrigung in Arbeitslager gebracht, ausgebeutet und schließlich getötet.



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In dieser Ausstellung werden die Geschichten von den im NS verfolgten Bewohner:innen der Stadt Zittau erzählt, aber auch auf das jüdische Leben und den Antisemitismus der Zeit in Zittau eingegangen, um Euch ein besseres Verständnis der damaligen Lage zu geben.

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Lebens -Orte


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Auf dieser Karte finden sich die bekannten Lebens- und Arbeitsplätze der Personen, die auf den vorherigen Tafeln vorgestellt wurden. Sie lebten in dieser, unserer Stadt, sie liefen durch dieselben Straßen, kauften auf demselben Markt und wanderten in der Freizeit im Gebirge. Vielleicht lebten sie in denselben Häusern wie wir, vielleicht hatten sie dieselbe Lieblingsecken wie wir?



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Wer floh wo hin?
Zoome aus der Karte herraus!

Jan (früher Hans) Gessler - Leeds, England
Georg Keil - Australien
Josef Freund und Familie - Santiago de Chile
Alfred Lachmann - Kapstadt, Südafrika
Walter Hann - USA


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Jüdisches

Leben
in

Zittau



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Auch wenn es bereits im 14. und 15. Jahrhundert Hinweise auf jüdische Bewohner:innen Zittaus gibt - zum Beispiel den Straßennamen “Judenburg” südlich vom Markt - beginnen jüdische Menschen erst ab den 1860er Jahren, das öffentliche Leben in der Stadt entschieden mitzugestalten. Vor 1869 hatten Juden in Sachsen keinerlei Bürgerrechte, das bedeutete u.a., sie durften keine Häuser und Grundstücke erwerben und sich nirgendwo dauerhaft niederlassen.



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Ab den 1860er Jahren begannen jüdische Gewerbetreibende, Industrielle und Arbeiter:innen, sich in Zittau und Umgebung niederzulassen. Die meisten waren in der Textilbranche beschäftigt. 1885 wurde die neu gegründete “israelitische Religionsgemeinde” in Zittau offiziell anerkannt. Zwei Jahre später eröffnete die Gemeinde einen Friedhof an der Görlitzer Straße. Zu diesem Zeitpunkt wohnen schon ca. 150 jüdische Menschen in Zittau. Um 1900 betrieben jüdische Einzelhändler:innen viele beliebte Geschäfte in der Innenstadt, darunter die Textilwarenläden von Heinrich Bursch und Salomon “Sally” Foerder. Doch nicht nur geschäftlich fassen jüdische Menschen Fuß in Zittau, auch privat werden Verbindungen geknüpft, durch Freundschaften und Heirat mit anderen jüdischen oder nicht-jüdischen Familien. Wie komplex diese Verbindungen waren und wie gewaltvoll sie später im Nationalsozialismus wieder getrennt wurden, zeigt beispielsweise die Biografie von Bertha Hiller.

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Antisemitismus in Zittau


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3. April 1887:
“Hiermit ersuchen wir Sie höflichst, doch sehr bald eine andere Geschichte als wie die der Juden in Zittau zu annonciren” - Postkarte an Carl Moráwek als Reaktion auf seinen Vortrag im Arbeiterbildungsverein zur Geschichte der Juden in Zittau und der Judengasse



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1892/93:
In der städtischen Zeitung “Zittauer Nachrichten und Anzeiger” wird eine Reihe von Hetzartikeln und Leserbriefen veröffentlicht, die eine offizielle Beschwerde der jüdischen Gemeinde beim Oberbürgermeister nach sich ziehen. Der Redakteur der Zeitung ist Mitglied des offen antisemitischen Zittauer Reformvereins.



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1912:
Einer jüdischen Schülerin wird die Aufnahme in die örtliche Gruppe der Jugendbewegung “Wandervogel” verweigert, mit der Begründung, der “Wandervogel” sei eine “deutsche Bewegung”.



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1935:
Die NSDAP-Kreisleitung verteilt Flugblätter mit einer Liste jüdischer Geschäftsinhaber, die zu boykottieren seien.



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Januar 1938:
Runderlass der Gestapo: jüdischen Händler:innen und Vertreter:innen sind keine Gewerbelegitimationskarten und Wandergewerbescheine mehr auszuhändigen.



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11. November 1938
“Schon lange war uns der Tempel der Juden ein Dorn im Auge [...]. Als gestern nachmittag zwei Detonationen ertönten, wußten wir, daß die “geheiligten Stätten des auserwählten Volkes” durch Dynamitpatronen zerstört waren. Auf einem Scheiterhaufen verbrannte dann die Menge die aus der Synagoge herausgeholten berüchtigten Talmudschriften. Die umliegenden Gebäude waren durch die Sprengung in keiner Weise in Mitleidenschaft gezogen worden.” - Zittauer Nachrichten


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Bilder Aus der Zeit


Synagoge nach der Reichspogromnacht


Synagoge nach der Reichspogromnacht

Synagoge nach der Reichspogromnacht

Zittauer Marktplatz während eines Fahnenappell

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Max

Brinitzer
21.04.1889
-
21.08.1946



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Am 21.04.1889 wurde Max Brinitzer als Sohn von Adolph und Henriette geboren. Im Haus auf der Inneren Weberstraße 17 ist er aufgewachsen, dort betrieben seine Eltern ein Wäschegeschäft. 1909 erhielt Max sein Abitur und studierte danach in Berlin Medizin.



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Während des 1. Weltkriegs arbeitete er in einem Seuchenlazarett in Frankreich. Nach dem Krieg eröffnete er als Kassenarzt seine eigene Praxis in Zittau, erst in der Inneren Weberstraße 17, ab 1935 in der Hochwaldstraße, bis ihm 1939 die Approbation entzogen wurde.




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Danach zog er mit seiner Frau in die Hospitalstraße 4a, heute Dr.-Brinitzer-Straße. Das Ehepaar musste Zwangsarbeit verrichten, er klebte in einer Werkstatt in der Äußeren Weberstraße Einlegesohlen, Elly Brinitzer arbeitete in einer Munitionsfabrik in Eckartsberg.



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1942 erkrankte Max Brinitzer schwer, durfte aber weder behandelt noch operiert werden. Für den 16.02.1944 erhielt Max Brinitzer einen Deportationsbefehl, durch einen Luftangriff wurde die Deportation aber verhindert und er konnte untertauchen. Nach der Befreiung wurde er Amtsarzt und Kreisarzt sowie Leiter des Gesundheitsamtes.



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Am 21. August 1946 starb Max Brinitzer an den Leiden und Misshandlungen der NS-Zeit.

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Bertha

Hiller
26.03.1869
-
16.09.1942



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1869: Bertha Hiller wird als eines von 6 Kindern der Familie Freund geboren. In diesem Jahr wurden Juden in Sachsen alle bürgerlichen Rechte zugesprochen, durch die sie am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen konnten. Vorher wurde ihnen die politische Mitwirkung am Gemeinwesen vorenthalten.



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Bertha heiratete mit 21 Jahren den Oberlausitzer Ingenieur Gustav Hiller, der die PHÄNOMENWERKE in Zittau gründete. Hier wurden Fahrräder, motorisierte Dreiräder und LKWs produziert.




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Bertha und Gustav bezogen die Villa am Ottokarplatz 1 (heute Klienebergerplatz 1) und zogen dort ihre Kinder Friedrich, Rudolf, Charlotte und Kurt groß. Spätestens ab dann trat Bertha der evangelisch-lutherischen Gemeinde bei. Nach dem Tod ihres Ehemannes Gustav 1913, der durch ein Herzleiden verursacht wurde, widmete sie sich mit ihrem Bruder Josef der Geschäftsleitung. Später übernahm bis zur “Arisierung” ihr Sohn Rudolf die Leitung des Unternehmens.



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Bertha wohnte 43 Jahre in der Hillerschen Villa, wobei sie die letzten 4 Jahre ihres Lebens unter Hausarrest verbrachte. Dieser schützte sie vor Deportation und Ermordung, da sie von den Nazis als „Volljüdin“ deklariert wurde, doch bedeutete gleichzeitig gesellschaftliche Isolation. Dass sie nicht deportiert wurde, lag daran, dass ihre Familie hohe Summen (rund 300.000 RM) zahlte, die von ihnen als „Judenvermögensabgabe“ gefordert wurden.



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Grete und Jenny, zwei Schwestern von Bertha, konnten sich nicht retten. Jenny wurde 1942 in Treblinka ermordet, Grete 1943 im KZ Theresienstadt. Ihre Brüder Josef und Emil Freund konnten nach Chile bzw. Kuba fliehen.

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Josef

Freund
1873
-
194X





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1873 wird Josef Freund als eines von 6 Kindern des Ehepaares Samuel und Maria Freund, geb. Strenitz, geboren.

Josef und seine Frau Marguerite, geb. Veit, lebten in unmittelbarer Nähe zu seiner Schwester Bertha, die mit ihrer Familie in der Hillerschen Villa wohnte. Sie pflegten privat und beruflich einen engen Kontakt, da Josef im Familienunternehmen PHÄNOMEN als kaufmännischer Direktor angestellt war.



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1906 kam seine Tochter Ilse zu Welt, 1908 sein Sohn Franz. Als 1913 sein Schwager Gustav Hiller starb, übernahm er in enger Absprache mit seiner Schwester Bertha die Leitung der Phänomenwerke. Er wandelte die GmbH während des ersten Weltkrieges in eine Aktiengesellschaft um, deren Aktien größtenteils in Familienbesitz waren. Die technische Leitung der Firmenproduktion trat nach wenigen Jahren Josefs Neffe Rudolf Hiller an. Trotz der dürren Nachkriegszeit und Verlust der Kohle- und Stahlproduktion in Deutschland hielt sich die Firma.



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1933 erregte das Familienunternehmen auf einer Automobilausstellung Hitlers Aufmerksamkeit. Josef erhielt wie weitere jüdische Mitarbeitende durch Rudolf Hiller die Kündigung. Für Rudolf als Vorstandvorsitzenden und „Mischling 1. Grades“ war dies die einzige Möglichkeit, die Existenz der Firma und das Erbe seines Vaters zu erhalten.




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Josef blieb noch einige Zeit als Zwangspensionär mit seiner Familie in Zittau. Sein Neffe drängte ihn wiederholt dazu, Deutschland zu verlassen. 1938 floh die Familie über Berlin nach Santiago de Chile, wo bereits sein Schwager lebte. Briefe übermitteln, dass Josef im Exil nie Fuß fassen konnte und seinen Kindern die Emigration immer gegenwärtig war.



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"Die Geschwister Bertha Hiller und Josef Freund wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft, aber ihr Lebensstil ist sehr verschieden gewesen. Während bei Tante Bertha ein strenges Regiment geführt wurde mit anständigem Benehmen bei Tisch und gesellschaftlichen Formen herrschte bei Onkel Josef ein lockerer und ungezwungener Ton. Unser Onkel Josef war ein eher zurückhaltender Mensch, der sich mehr für Kunst als für Geld interessierte, bei dem man sich als Kind wohl fühlte, weil man nicht dauernd erzogen wurde." Claudia Siede-Hiller und Anne Frommann


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Emma

& Adolf

Lachmann
23.02.1977

& 21.04.1972
-
1944





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Emma und Adolf Lachmann kamen 1902 nach Zittau. Sie eröffneten in der Bautzner Straße das Kurzwarengeschäft „Fließ & Co.“. Wie viele andere jüdische Bürger:innen litten die Lachmanns unter öffentlichen Denunziationen. So bekam ein Zittauer Frisörmeister, selbst langjähriges NSDAP-Mitglied, große Schwierigkeiten, weil Adolf Lachmann nicht nur ein Kunde bei ihm war, sondern ihm wie alle Kund:innen auch noch die Hand zum Abschied schüttelte.



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Wer bei den Lachmanns einkaufte, lief Gefahr, im „Stürmer“ per Leserbrief denunziert zu werden. SA Mitglieder postierten sich vor dem Eingang. Am 14.08.1942 wurden Emma und Adolf Lachmann mit einem so genannten Alterstransport nach Theresienstadt und am 16.05.1944 nach Auschwitz deportiert. Sie kehrten nicht zurück.



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Wahrscheinlich zogen Adolf und Emma Lachmann schon um 1936 nach Berlin, um in der Anonymität der Großstadt untertauchen zu können.




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Depotieren= Unter Deportation versteht man die Zwangsverschickung, Verschleppung oder Verbannung von politischen Gegner:innen oder ganzen Bevölkerungsgruppen.

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Famiilie

Keil

-
1944





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1930 kommen Paula und Hermann Keil aus Berlin nach Zittau und eröffnen in der Inneren Weberstraße 29 ein Hutgeschäft. Bereits drei Jahre später wird “Hut-Keil” von Zittauer und Löbauer Bürger:innen als einer der ersten jüdischen Geschäftsleute denunziert, um sie aus dem Geschäft zu verdrängen. Keils werden angezeigt, weil sie angeblich zu niedrige Preise kalkulieren, Ramschware verkaufen und ihre Verkäuferinnen drangsalieren würden. Der Antrag der Putzmacherinnung auf „Gewerbeuntersagung wegen Unzuverlässigkeit“ musste mangels gesetzlicher Grundlage angelehnt werden. Die Denunziationen hielten auch die folgenden Jahre an.



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Am Abend des 9. November 1938 marschierten SA-Leute durch die Straßen Zittaus, jüdische Geschäfte werden zerstört, Auslagen geplündert und am nächsten Morgen brennt die Synagoge. Über diesen Abend berichten Augenzeugen, dass durch die Innere Weberstraße Hüte flogen; Hermann Keil und weitere jüdische Männer werden verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Als danach die gesetzliche Grundlage es ermöglichte wurde “Hut-Keil” zwangsarisiert. Am 29. Dezember wird Hermann Keil entlassen.






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Kurz darauf verlassen Paula und Hermann Keil gemeinsam mit ihrem Sohn Georg Zittau. Georg Keil gelang die Flucht aus Deutschland. Er verstarb 2004 in Australien (Bild im Polygon). Paula und Hermann Keil wurden am 03.02.1943 nach Auschwitz deportiert.


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Albert

Müller
23.04.1885
-
1940




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23.04.1885 Geburt in Olbersdorf, hier geht Albert Müller auch zur Schule.



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August 1908 Hochzeit mit seiner Frau Martha und Umzug in die Goldbachstraße 59 in Zittau. 1909 Geburt des ersten Sohns Walter, der im 2. Weltkrieg umkommt. 1913 Geburt der Tochter Hilde. 1921 Geburt des zweiten Sohns Erich.





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Albert arbeitet von 1912 bis 1929 in der Lohnbuchhaltung im Kontor der Zittauer Phänomenwerke. Er begibt sich 1929 wegen einer psychischen Erkrankung für 6 Monate in die Landesheil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz, in die er im Sommer 1931 erneut eingeliefert wird. Er schreibt 1929 an seine Frau und seine Kinder, er fühle sich an seiner Erkrankung schuldig. Die ungeklärte Versorgung seiner Familie beunruhigt ihn, er nimmt seine Hilflosigkeit, seine Verlassenheit und seine zunehmende Rechtlosigkeit wahr.




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Von Großschweidnitz wird Albert am 20.09.1940 in die Heil- und Pflegeanstalt auf dem Pirnaer Sonnenstein „verlegt“. Vermutlich wird er dort unmittelbar nach seiner Ankunft im Rahmen der „Aktion-T4“ ermordet. T4 bezeichnet eine sogenannte Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4, einer Tarnorganisation für die Durchführung der Ermordung von psychisch und physisch erkrankten Menschen.




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Alber Müller wurde 55 Jahre alt. Die Asche von Albert Müller wurde von Grafeneck an das Friedhofsamt in Zittau geschickt, um Spuren der Ermordung zu verwischen. In Grafeneck findet sich keine Spur von Albert Müller. In der „Aktion-T4“ wurden 70000 Menschen ermordet.


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Familie

Gessler








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1939: Verlassen der Wohnung in der Äußeren Weberstraße 79, leben von nun an in Berlin Moabit
1940: Bruno stirbt an einer Herzkrankheit im jüdischen Krankenhaus in Berlin
3. März 1943: Erna und Otto werden nach Auschwitz deportiert




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1932-1938: Schüler des Realgymnasiums bzw. der Höheren Handelsschule (heute Christian-Weise-Gymnasium) - gehörte zu den besten Schülern des Jahrgangs.
1938 verlässt er Zittau für Berlin, besucht dort das ORT (Dieses Bildungsinstitut ermöglichte jungen jüdischen Menschen über eine technische Ausbildung den Weg ins Exil. Hans sollte so nach England ausreisen, um später seine Familie nachzuholen).
In August 1939 verlässt er mit 103 anderen Schülern Berlin nach England.
Danach: Militärdienst in der tschechoslowakischen Armee (war wie sein Vater tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit) - Nennt sich von da an Jan
Nach Kriegsende: Errichtung eines Gedenksteins für Bruno, Erna und Otto durch Hans in Berlin Weißensee
Danach: Rückkehr nach England. 1956: Heirat - 3 Kinder- 5 Enkel


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Ludwig

Hann
13.05.1906
-
20.02.1945



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Ludwig Hann wurde am 13.05.1906 als Sohn von Philipp und Julie Hann geboren, die ein Schuhgeschäft in der Reichenberger Straße führten. Er wuchs in der 1928 erbauten Villa Barbara in der Bismarck Allee 30 (heute Weinauallee) auf. Während des NS interessieren sich mindestens zwei NSDAP-Mitglieder an dem elterlichen Schuhgeschäft, was am 12.10.1938 unter neuem Namen von einem “arischen” Eigentümer eröffnet wird. Nach Aussagen von Zeitzeugen wurde Philipp Hann in der Reichspogromnacht wie andere jüdische Männer von der SA verhaftet und nach Buchenwald verschleppt.



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Zu dieser Zeit emigrierte Ludwig nach Prag, wo er die slowakische Jüdin Vera Lichtenstein kennenlernte, die er am 16.4.1941 heiratete.



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Philipp und Julie Hann wurden am 08.09.1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Julie am 23. November stirbt. Am 04.12. desselben Jahres wird auch Ludwig nach Theresienstadt deportiert, kurz danach folgte seine Frau Vera.



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Am 31. Dezember 1943 wurde Philipp Hann nach Auschwitz deportiert. Er kehrt nicht zurück. Am 1. Oktober 1944 wird auch Ludwig nach Auschwitz deportiert, 14 Tage später folgte Vera ihm nach. Als sie in Auschwitz ankam, war ihr Mann schon auf einer Deportationsüberführung durch verschiedene Konzentrationslager, die mit seiner Ermordung am 20. Februar 1945 in Dachau endete. Vera Hann kam über Freiberg, wo sie in der Rüstungsindustrie arbeiten musste, nach Mauthausen. Hier wurde am 02. Mai 1945 Vera und Ludwigs Tochter Eva geboren.

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Leo

Elend
29.04.1896
-
08.03.1939




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Leo Elend war seit 1929 Religionslehrer und Prediger in der Israelitischen Religionsgemeinde in Zittau. Innerhalb dieser wurde er sowohl als Lehrer und Mensch sehr geschätzt.



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Leo wohnte zunächst in der Komturstraße, doch schon wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er durch die SA mit folgender Begründung verhaftet: „Das bei dem jüdischen Rabbiner beschlagnahmte Schriftmaterial richtet sich gegen die hinter der Regierung stehenden Parteien, so dass sich seine Inschutzhaftnahme erforderlich machte. In seiner Wohnung wurde überdies ein Schächtmesser für Geflügel beschlagnahmt, da das Schächten in Sachsen gesetzlich verboten ist.“ Wie lange und wo Leo Elend inhaftiert war, ist nicht bekannt.



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Er zog 1934 in die Reichenberger Straße 19, vermutlich fühlte er sich dort sicherer, das Haus gehörte Eugen Förder, einem Mitglied des Vorstandes der Gemeinde.



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Im Juni 1938 übernahm Leo die jüdischen Sonderklassen in Chemnitz. Im November des Jahres wurden die Mittel für die jüdischen Schüler gestrichen, Leo Elend wurde entlassen, und er wurde am 10 November nach Buchenwald verschleppt.



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Am 8. März 1939 fand Leo Elend die Flucht in den Tod, seine Frau Bertha verließ Deutschland wenig später. Das Schicksal ihrer Tochter Ruth ist nicht bekannt.

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Prof. Dr.

Joseph Carl

Klieneberger


25.04.1869
-
30.09.1938



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25. April 1876 geboren
Studium der Medizin und Naturwissenschaften an den Universitäten von Straßburg, Kiel und Berlin



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Er arbeitete in der chirurgischen Abteilung Ebersfeld, im Heiligen Geist Hospital in Frankfurt am Main und im Klinikum der Königsberger Universität Albertina
1. Januar 1912 wird er Direktor des Stadtkrankenhauses und Chefarzt der Inneren Medizin in Zittau, daneben führt er auch eine eigene Praxis



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1914: Abkommandation nach Inor/Frankreich, baute dort das Seuchenlazarett auf und führte es als Chefarzt bis 1918
6. April 1918: Versetzung von Stabsarzt Klieneberger nach Warschau, blieb dort als Garnisonsarzt bis Kriegsende. Für seine Leistungen als Militärarzt wurde Professor Klieneberger mehrfach ausgezeichnet



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Nach dem 1. Weltkrieg arbeitete er weiter als Direktor des Stadtkrankenhauses und Facharzt für Innere Medizin
Prof. Klieneberger war zahlreichen Denunzierungen ehemaliger Kollegen und Patient:innen ausgesetzt. Außerdem musste er wegen seiner jüdischen Abstammung Demütigungen hinnehmen. Ihm wurde verboten, das Krankenhaus zu betreten und als ehrenamtlicher Schularzt tätig zu sein. Der Besuch des Schwimmbades wurde ihm untersagt.



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1. Oktober 1938: Professor Klieneberger soll seine Approbation als Arzt entzogen werden.
Einen Tag zuvor (30. September) nahm er sich mit Zyankali das Leben.
Seine Frau, Auguste Klieneberger blieb mit ihrer jüngsten Tochter Carla in Zittau, wo sie sich nach Kriegsende politisch engagierte. Sie war eine der Mitbegründerinnen der Ortsgruppe des Demokratischen Frauenbundes und saß für die LDPD im Stadtrat.

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Ende der Austellung


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Das was ihr in dieser Ausstellung gelesen habt, ist alles passiert, es ist hier passiert. Menschen wurden öffentlich beleidigt, denunziert und diskriminiert. Ihre Lebensgrundlage wurde ihnen geraubt, weil sie nicht in ein ideologisches Muster passten. Sie wurden in die Flucht oder den Suizid getrieben, erlitten körperlichen und psychische Folter bis hin zur Ermordung. Das alles ist wahr und gar nicht so lange her. Warum es sich vielleicht doch so nah anfühlt? Weil es wieder beginnt, weil wieder politische Parteien ausgewählte Bevölkerungsgruppen schlecht machen, sich über sie stellen und sie zum Sündenbock für alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme machen. Weil so in der Gesellschaft ein Hass entsteht, ein Groll gegen andere und die Ausgrenzung bereits begonnen hat.



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Doch wir alle haben im Geschichtsunterricht über die Vergangenheit gelernt und zwar nicht, um stupide die Menschheitsgeschichte wiedergeben zu können, sondern um aus ihr zu lernen, um den Zusammenhang zwischen Geschehnissen zu erkennen und mögliche Auswirkungen zu stoppen. Wir alle wissen, wozu die Beschreibung der Juden als “Ursprung alles Bösen” im 20. Jahrhundert geführt hat, wie dies gesellschaftliche Spaltung förderte und schließlich Parteien an die Macht brachte, die diese mit Gesetzen untermauerten, bis zur gezielten Tötung von bestimmten Bevölkerungsgruppen.



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Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht, wir können diese Lawine des Fremdenhasses noch aufhalten, wir können uns dem entgegenstellen und etwas machen. Wie viele von uns haben gehofft, dass ihre Vorfahren sich gegen den NS, gegen Hass, gegen Ausgrenzung oder gegen jeglichen Völkermord gestellt haben? Und in wie vielen Fällen haben sie das wirklich getan? Wir können diese Vorfahren werden, die etwas derartiges verhindert haben, indem wir andere aufklären, indem wir rechte Hetze in Form von Stickern aus dem Stadtbild entfernen, indem wir offen andere ansprechen, wenn sie sich rassistisch oder antisemitisch verhalten. Wir können etwas ändern und wir müssen es auch.



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Diese Ausstellung wurde von Studierenden der Hochschule Zittau/Görlitz und dem Internationalen Hochschulinstitut der TU Dresden organisiert und unterstützt durch den sneep e.V. Zittau, die Partnerschaft für Demokratie Zittau und die Hillersche Villa.



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Redaktion: Anna Achenbach, Anne Kleinbauer, Nicola Bell, Tanja Schwarz
Übersetzung: Lukás Veselý
Grafik: Timon Conrad

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